Den richtigen Stoff zum Schnittmuster auswählen

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IMG_1952aKleidung selbernähen hat in Zeiten von Billigkleidung einen völlig neuen Stellenwert bekommen. Es erfordert neben dem Können – je nach Projekt – einen entsprechenden Zeiteinsatz und es muss das passende Material und nicht zu vergessen das Schnittmuster gekauft werden. Bei soviel Invest wünschen wir uns natürlich, dass es gelingt und unsere Vorstellung, von einem gut sitzenden und zu uns passenden Kleidungsstück wahr wird. Einen sicherlich wesentlichen Beitrag zum Gelingen, leistet die Auswahl des richtigen Stoffes.

Es gibt zwei gängige Wege zu einem selbstgenähten Kleidungsstück zu kommen: entweder ist der Schnitt bereits vorhanden und man sucht das passende Material dazu oder der Stoff wurde irgendwann früher gekauft, man hat auch schon eine Idee und sucht jetzt nur noch ein Schnittmuster.  Wie auch immer die Ausgangssituation ist, bevor wir uns entscheiden, müssen unbedingt einige Fragen geklärt werden.

Mit meinen Überlegungen möchte ich im Besonderen auf die erste Situation eingehen, da hier meiner Meinung nach die Entscheidung schwieriger ist, denn aus Erfahrung weiss ich, wer aufs gerate wohl (von wegen, der Stoff ist ja so schöööön, den muss ich haben, ausserdem daraus nähe ich mir…) Stoff kauft, hat in der Regel zumindest eine vage Vorstellung, was er daraus nähen will (da können dann mitunter mehrere Jahre vergehen – bei mir zumindest – bis der ehemals gekaufte endlich verarbeitet wird).

Also gut –  soweit die Einleitung, kommen wir zum Thema: Am Beispiel eines Kleides möchte  ich veranschaulichen, was vor dem Stoffkauf bedacht werden will (wahlweise auch könnte…).

Ich habe also den meiner Meinung nach idealen Kleiderschnitt gefunden. Es ist ein figurnahes ärmelloses Etuikleid. Die Materialempfehlung für das Kleid lautet: leichter Wollstoff + Futter. Das ist aber nur eine Empfehlung und der möchte ich in diesem Fall nicht folgen, da ich weder Wolle noch Futter verarbeiten möchte. Aber welches Material dann? Und hier komme ich endlich zur ersten Frage:

Frage 1: Wo und wann möchte ich das Kleidungsstück tragen? Diese Frage ist wesentlich ( ausser man verfügt über einen riesigen Kleiderschrank, wo sämtliche Sachen für die man doch nicht soviele Tragegelegenheiten hatte, wie ursprünglich angenommen, auf ihren nächsten Einsatz warten, der vielleicht nie mehr kommt). Ich in meinem Fall also beantworte die Frage nun so: Das Kleid soll nicht für einen speziellen Anlass sein, ich möchte es in meinem normalen Alltag mit Selbständigkeit im homeoffice und 2 Kindern tragen.

Frage 2: Welche Eigenschaften sind mir besonders wichtig?
Es muss einkaufstauglich (ich möchte also auch in der Öffentlichkeit damit gut angezogen sein) sein und es soll mich an einem normalen  Nachmittag mit zwei Kindern weder einengen noch behindern und nicht jeder Fleck, soll gleich zu sehen  bzw. nur durch vollständiges Waschen oder Reinigung zu entfernen sein. Auch zum Kochen und Blumengiessen möchte ich mich nicht umziehen (Anmerkung für meine Schwester: weisst du noch wie ich im bodenlangen lila Schimmerjaquardrock Unkraut gejätet habe…). Überhaupt ist Bequemlichkeit bei mir meist ein Thema, ein Etuikleid ist zwar körpernah – aber durch die entsprechende Stoffauswahl (mit Stretch) und einen relaxten Schnitt wird es für mich täglich tragbar.

Frage 3: Ist die Jahreszeit ein Thema oder soll es jahreszeitenunabhängig sein? Also ich möchte  mein Kleid in der warmen Jahreszeit tragen. Im Frühling vielleicht mit Strickcardigan und im Sommer an heissen Tagen einfach so.

Frage 4: Wieviel Meter brauche ich und was will ich ausgeben? 

Frage 5: Welche Stoffe gefallen mir persönlich, was passt zu mir?

Puhh, ganz schön viele Anforderungen: daraus lässt sich meiner Meinung nach folgendes ableiten: das Material soll strapazierfähig sein, idealerweise einen leichten Stretchanteil  haben, eher dunkel oder mehrfarbig als zu hell und uni. Ausserdem keine zu kompakte Qualität und ich möchte es nicht füttern, da ich persönlich gefütterte Kleider nicht mag ( persönliche Vorlieben spielen natürlich eine grosse Rolle). Hierzu würden von den gängigen Materialien am ehesten eine leichte Jeansqualität  oder ein bedruckter Baumwollstoff (Leinwandbindung) alles mit einem kleinen Stretchanteil passen. Auch Jersey könnte ich mir noch vorstellen, aber in Kleiderqualität und ebenfalls bedruckt. Keinesfalls in die engere Wahl käme Leinen ( egal wie edel das angeblich knittert) oder  Viskose und sämtliche Gewebe die keinen Stretchanteil haben.
Aus Jeans würde das Etuikleid, wenn man z.B. mit Kontrastabsteppungen arbeitet, schön sportlich wirken, das würde mir schon mal sehr gut gefallen.
Als bedruckten Baumwollstoff kann ich mir die aktuellen Photoprints sehr gut vorstellen, da treten Schnittdetails in den Hintergrund und man lässt die Farben und Muster wirken ( Aber Achtung: je auffälliger das Muster und die Farbigkeit, desto schneller sieht man sich erfahrungsgemäss satt).
Immer wieder reizvoll finde ich auch klassische zweifarbige Muster z. B. Pepita oder andere einfache Karos oder auch feine Streifen oder Punkte.

Diese Ausführung pocht weder auf Vollständigkeit noch darauf, dass man es genauso sehen muss. Sie soll einfach nur einen Anreiz bieten, welche Überlegungen der endgültigen Materialauswahl vorangehen könnten. Bekanntermassen ist gerade die Mode vielfältig und facettenreich und persönliche Vorlieben spielen eine riesige Rolle. Was dem einem wichtig ist, kann für den anderen keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen und genau deshalb sollte man sich vor der Auswahl des Stoffes vor allen Dingen fragen, was ist mir ganz persönlich wichtig und wie möchte ich mich in dem Kleidungsstück fühlen. 
Gelingt es diese Fragen zu beantworten und das gewünschte Material zu finden, kann es uns (und hier ist der Schnitt entscheidend) tatsächlich gelingen, ein richtiges persönliches Lieblingsstück zu nähen. Ein Kleidungsstück, das zu uns passt in  dem wir uns wohlfühlen und für das wir vielleicht sogar Komplimente bekommen – genau das ist es doch, was wir wollen.

Wer´s bis zum Ende geschafft hat – vielen Dank für deine Aufmerksamkeit. Hast du noch mehr Anregungen oder wie wählst du das Material aus? Mich würde sehr interessieren, was dir bei der Stoffauswahl wichtig ist!

Es grüßt herzlichst

Ingrid

PS:Im nächsten Beitrag möchte ich übers Zuschneiden, und was dabei beachtet werden    sollte, schreiben.

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